Manuela Klöckner-Marseglia – 2024-02 fabianST1



Manuela Klöckner


Was ist st/1

ein akustisches Kunstwerk . von hoher geistiger Disziplin .

ineinander verschränkt Gedanke und Mathematik in Musik . Formalized Musik : Thought and Mathematics in Music .

langsame Wachstumsprozesse . Sequenzen . sich verdichtend .

sich überlagernd .

Wie klingt st/1

wertvoll .

Das Abbild zeigt die schöne Ausprägung der 10 Sequenzen in ihrer Abfolge bei der Uraufführung in Nürnberg, 2015

Spielplan für die Aufführung 2024 in Weingarten:
Eine präzise Überlagerung von zugespielten und life gespielten Sequenzen.

V I D E O Weingarten life : st/1 im Ausklang
Die letzten Töne und ein Publikum, das nicht müde klingt.
Haben sich womöglich im philosophischen Hochgebirge die Gemüter und die Weltseele harmonisiert ?!


Alan fabian, zur Musik


Die Klavier-Komposition ST/1-1,02042015 habe ich 2015 mit dem ersten europäischen Kompositionsprogramm FSM des Avantgarde-Komponisten Iannis Xenakis generiert.

HINTERGRUND

Xenakis gilt in der Musikgeschichte der Avantgarde-Musik (2. Hälfte des 20. Jahrhunderts) als einer der maßgeblichsten Komponisten im Bereich der computergenerierten Musik. Er entwickelte in den 1950er Jahren eine stochastische Musikästhetik; Die damit einhergehende musikstochastische Produktionspraxis implementierte er 1962 im Computerprogramm mit dem Namen Free Stochastic Music (FSM) für die Computermaschinerie (IBM-7090/94) von IBM-France in Paris.
Die Faszination bestand damals für Avantgarde-Komponisten wie Iannis Xenakis (Frankreich), Herbert Brün (Deutschland und USA), Lejaren Hiller (USA) und auch für bildende Künstler wie Frieder Nake (Deutschland) darin, künstlerische Prozesse zu algorithmisieren und so berechenbar zu machen für Computer. Der Kunsthistoriker und Kybernetiker Max Bense hat diese Formalisierung und Maschiniserung künstlerisch-ästhetischer Prozesse ›Generative Ästhetik‹ genannt.

AVANTGARDISTISCHE BEGRIFFSFELDER - IN DER ZUKUNFT ANGEKOMMEN

Vor diesem Hintergrund kamen in Musik und bildender Kunst Mitte des 20. Jahrhunderts Fragen nach der Anonymität von künstlerischer Autorschaft, von maschineller Kreativität, sowie von künstlerischer Einzigartigkeit auf, die bis heute die Debatte um künstliche/künstlerische Intelligenz bestimmen. Wahrscheinlichkeitsberechnung ist bis heute der zentrale Generator von KI als ›Entscheidungsfinder‹.

MUSIKTHEORIE DER ANTIKE WEITER GEDACHT

Europäische Musikmathematik fängt spätestens mit Platon an, der seinen Timaios sagen läßt, dass die Weltseele aus ganz bestimmten Verhältnismaßen zusammengefügt ist, der "Harmonia".
Menschenseelen, so Timaios kommen unharmonisiert auf die Welt und so besteht der eigentliche Lebenssinn des Menschen darin, die eigene Seele mit der Weltseele zu harmonisieren - zum Beispiel mittels Musik. Diese griechisch antike Phantasie haben Denker, die sich in der Tradition des Quadrivium (Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik) gesehen haben, stets weitergesponnen. Der als Astronom berühmt gewordene Johannes Kepler erdenkt in seiner Weltharmonik im Anschluss an Platon ein anthropologisches Harmoniesystem, in dem die Menschenseele, in die das Urbild von Harmonie eingeschrieben ist, "Sinnliche Harmonie" abgleicht, so dass Harmonie für den Menschen wahrnehmbar werden kann. Weiter leitet er aus Platons Maßgaben naturwissenschaftliche Erkenntnisse ab, wie zum Beispiel in Bezug auf Umlaufbahnen von Planeten.

IN EBEN DIESE MUSIKTHEORETISCHE TRADITION

die sich zu Zeiten der griechischen Antike Tetraktys nannte stellt sich Iannis Xenakis mit seiner sogenannten formalisierten Musik.
Er beschreibt in seiner Aufsatzsammlung (1963-1992) mit dem Titel "Formalized Musik Thought and Mathematics in Music" den unmittelbaren Zusammenhang von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen (Vorhersagen zu atomaren Bewegungsvorgängen) und seiner stochastischen Musikästhetik, die er im besagten Kompositionsprogramm FSM implementiert hat.

Für seine erste Komposition (ST/10-1) , die er mit diesem Programm erstellt hat, hält Xenakis eine Vielzahl an unterschiedlichsten Orchestrierungen für möglich: »A large number of compositions of the same kind as ST/10-1, 080262 is possible for a large number of orchestral combinations. Other works have already been written: ST/48-1, 240162, for large orchestra, commissioned by RTF (France III); Atrées for ten soloists; and Morsima-Amorsima, for four soloists.« (Xenakis 1992, Formalized Music, S. 144)
Nicht nur aufgrund veränderbarer Eingabedaten, sondern vor allem aufgrund der stochastischen Beschaffenheit gibt das Programm bei jeder Ausführung ein anderes Ergebnis - eine andere Komposition - aus. Und damit wird - so Xenakis - der Komponist zu einem Piloten, der ausgehend von Voreinstellungen (Eingabedaten) für das Computerprogramm einen musikstochastischen Raum, der in der musikalischen Umsetzung letztlich ein klanglicher Raum ist, durchfliegen kann: »[H]e [the composer-pilot] presses the buttons, introduces coordinates, and supervises the controls of a cosmic vessel sailing in the space of sound« (Xenakis 1992, Formalized Music, S. 144).

UNENDLICHE WEITEN

Mit der neuen Komposition ST/1-1,02042015 setzen wir die Reise im musikstochastischen Raum fort. Für die Programmeingabe habe ich zusammen mit Manuela Klöckner eine besondere Instrumentation an einem besonderen Instrument entwickelt: ST/1 wird realisiert mit einem präparierten Helpinstill-Flügel. Das Spiel auf den (un)präparierten Saiten des Flügels umfasst von Pizzicato über Flageolett bis hin zu Arco und Battuto die verschiedensten avantgardistischen Spieltechniken.
Die Komposition besteht aus 10 Teilen, den sogenannten ›Sequenzen‹, die mit digitaler Echtzeitzeitklangsynthese entstehen

_______________
Das Instrument,
der Kimball-Helpenstill Flügel ist ein akustischer Stutzflügel mit Magnettonabnehmern. Der texanische Elektroniker Ezra Helpenstill entwickelte diese Tonabnehmer in den 70er Jahren zunächst in eigenem Interesse. Als Boogie / Jump Blues Pianist (Künstlername Ezra Charles) konnte er sich nur schwer gegen Bläsersätze und Schlagzeug durchsetzen. Beim damaligen Stand der Tontechnik kam eine Verstärkung mit Mikrofonen wegen der leicht auftretenden Rückkoppelungen und den daraus resultierenden Pfeifgeräuschen schnell an ihre Grenzen. Mit Tonabnehmern wie sie auch bei elektrischen Gitarren und Bässen verwendet werden, ließ sich das Problem lösen. Der so verstärkte Klang ist nahe am gewohnten Klavierklang, hat aber ähnlich wie es sich auch bei E-Gitarren im Vergleich zu akustischen verhält, einen eigenen Charakter.

Für die Realisation von ST/1 ist die Eigenschaft der Magnettonabnehmer, nur die Saitenschwingungen, nicht aber die akustischen Ereignisse im Umfeld zu übertragen, von entscheidender Bedeutung.