
ein akustisches Kunstwerk . von hoher geistiger Disziplin .
ineinander verschränkt Gedanke und Mathematik in Musik . Formalized Musik : Thought and Mathematics in Music .
langsame Wachstumsprozesse . Sequenzen . sich verdichtend .
sich überlagernd .
wertvoll .


V I D E O Weingarten life : st/1 im Ausklang
Die letzten Töne und ein Publikum, das nicht müde klingt.
Haben sich womöglich im philosophischen Hochgebirge die Gemüter und die Weltseele harmonisiert ?!
Die Klavier-Komposition ST/1-1,02042015 habe ich 2015 mit dem
ersten europäischen Kompositionsprogramm FSM des Avantgarde-Komponisten
Iannis Xenakis generiert.
HINTERGRUND
Xenakis gilt in der Musikgeschichte der Avantgarde-Musik (2. Hälfte des 20. Jahrhunderts) als einer der maßgeblichsten Komponisten im Bereich der
computergenerierten Musik. Er entwickelte in den 1950er Jahren eine
stochastische Musikästhetik; Die damit einhergehende
musikstochastische Produktionspraxis implementierte er 1962 im Computerprogramm mit dem Namen
Free Stochastic Music (FSM)
für die Computermaschinerie (IBM-7090/94) von IBM-France in Paris.
Die Faszination bestand damals für Avantgarde-Komponisten wie Iannis Xenakis (Frankreich), Herbert Brün (Deutschland und USA),
Lejaren Hiller (USA) und auch für bildende Künstler wie Frieder Nake (Deutschland) darin, künstlerische Prozesse zu algorithmisieren und so
berechenbar zu machen für Computer. Der Kunsthistoriker und Kybernetiker Max Bense hat diese Formalisierung und Maschiniserung künstlerisch-ästhetischer
Prozesse ›Generative Ästhetik‹ genannt.
AVANTGARDISTISCHE BEGRIFFSFELDER - IN DER ZUKUNFT ANGEKOMMEN
Vor diesem Hintergrund kamen in Musik und bildender Kunst Mitte des 20. Jahrhunderts Fragen nach der
Anonymität von künstlerischer Autorschaft, von maschineller Kreativität, sowie von künstlerischer Einzigartigkeit auf, die bis heute die Debatte um künstliche/künstlerische Intelligenz bestimmen.
Wahrscheinlichkeitsberechnung ist bis heute der zentrale Generator von KI als ›Entscheidungsfinder‹.
MUSIKTHEORIE DER ANTIKE WEITER GEDACHT
Europäische Musikmathematik fängt spätestens mit Platon an, der seinen Timaios sagen läßt, dass die Weltseele aus ganz bestimmten Verhältnismaßen
zusammengefügt ist, der "Harmonia".
Menschenseelen, so Timaios kommen unharmonisiert auf die Welt und so besteht der eigentliche Lebenssinn des Menschen darin, die
eigene Seele mit der Weltseele zu harmonisieren - zum Beispiel mittels Musik. Diese griechisch antike Phantasie haben Denker, die sich in der
Tradition des Quadrivium (Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik) gesehen haben, stets weitergesponnen. Der als Astronom berühmt
gewordene Johannes Kepler erdenkt in seiner Weltharmonik im Anschluss an Platon ein anthropologisches Harmoniesystem, in dem die
Menschenseele, in die das Urbild von Harmonie eingeschrieben ist, "Sinnliche Harmonie" abgleicht, so dass Harmonie für den Menschen
wahrnehmbar werden kann. Weiter leitet er aus Platons Maßgaben naturwissenschaftliche Erkenntnisse ab, wie zum Beispiel in Bezug auf
Umlaufbahnen von Planeten.
IN EBEN DIESE MUSIKTHEORETISCHE TRADITION
die sich zu Zeiten der griechischen Antike Tetraktys nannte stellt sich Iannis Xenakis mit seiner sogenannten formalisierten Musik.
Er beschreibt in seiner
Aufsatzsammlung (1963-1992) mit dem Titel
"Formalized Musik Thought and Mathematics in Music"
den unmittelbaren Zusammenhang von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen (Vorhersagen zu atomaren Bewegungsvorgängen) und seiner
stochastischen Musikästhetik, die er im besagten Kompositionsprogramm FSM implementiert hat.
Für seine erste Komposition (ST/10-1) , die er mit diesem Programm erstellt hat, hält Xenakis eine Vielzahl an unterschiedlichsten Orchestrierungen
für möglich:
»A large number of compositions of the same kind as ST/10-1, 080262 is possible for a large number of orchestral combinations. Other works have
already been written: ST/48-1, 240162, for large orchestra, commissioned by RTF (France III); Atrées for ten soloists; and
Morsima-Amorsima, for four soloists.« (Xenakis 1992, Formalized Music, S. 144)
Nicht nur aufgrund veränderbarer Eingabedaten, sondern vor allem aufgrund der stochastischen Beschaffenheit gibt das Programm bei jeder
Ausführung ein anderes Ergebnis - eine andere Komposition - aus. Und damit wird - so Xenakis - der Komponist zu einem Piloten, der ausgehend von Voreinstellungen
(Eingabedaten) für das Computerprogramm einen musikstochastischen Raum, der in der musikalischen Umsetzung letztlich ein klanglicher Raum ist, durchfliegen kann:
»[H]e [the composer-pilot] presses the buttons, introduces coordinates, and supervises the controls of a cosmic vessel sailing in
the space of sound« (Xenakis 1992, Formalized Music, S. 144).
UNENDLICHE WEITEN
Mit der neuen Komposition ST/1-1,02042015 setzen wir die Reise im musikstochastischen Raum fort.
Für die Programmeingabe habe ich zusammen mit Manuela Klöckner eine besondere Instrumentation an einem besonderen Instrument entwickelt:
ST/1 wird realisiert mit einem präparierten Helpinstill-Flügel. Das Spiel auf den (un)präparierten Saiten des Flügels umfasst von Pizzicato über
Flageolett bis hin zu Arco und Battuto die verschiedensten avantgardistischen Spieltechniken.
Die Komposition besteht aus 10 Teilen, den sogenannten ›Sequenzen‹, die mit digitaler Echtzeitzeitklangsynthese entstehen
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Das Instrument,
der Kimball-Helpenstill Flügel ist ein akustischer Stutzflügel mit Magnettonabnehmern. Der texanische Elektroniker Ezra Helpenstill entwickelte diese Tonabnehmer
in den 70er Jahren zunächst in eigenem Interesse. Als Boogie / Jump Blues Pianist (Künstlername Ezra Charles) konnte er sich nur schwer gegen
Bläsersätze und Schlagzeug durchsetzen. Beim damaligen Stand der Tontechnik kam eine Verstärkung mit Mikrofonen wegen der leicht auftretenden
Rückkoppelungen und den daraus resultierenden Pfeifgeräuschen schnell an ihre Grenzen. Mit Tonabnehmern wie sie auch bei elektrischen Gitarren und
Bässen verwendet werden, ließ sich das Problem lösen. Der so verstärkte Klang ist nahe am gewohnten Klavierklang, hat aber ähnlich wie es sich auch bei E-Gitarren
im Vergleich zu akustischen verhält, einen eigenen Charakter.
Für die Realisation von ST/1 ist die Eigenschaft der Magnettonabnehmer, nur die Saitenschwingungen, nicht aber die akustischen Ereignisse
im Umfeld zu übertragen, von entscheidender Bedeutung.