Klang-Zeichen-Aktion

Musik von Beethoven, Coleman, Otomo und Ligeti
Diether F. Domes (Aktionskunst)
Manuela Klöckner-Marseglia (Klavier)

Aufführung:
im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Kunst im Gespräch"
13.05.2004, Lände, Kressbronn

Wenn Beethoven zur Windhose wird

Zur Zeit der Romantik täumte man von einer universalen Kunst, in der die verschiedenen Gattungen ineinander übergehen und ein Ganzes bilden. Was ist es anderes, wenn Musik in ein graphisches Zeichen verwandelt wird, wie in den Klang-Zeichen-Aktionen von Diether F. Domes? … Der Prozess des künstlerischen Gestaltens vollzieht sich nicht mehr in der Stille des Ateliers; das Kunstwerk entsteht vor den Augen des Publikums. Der Künstler geht das Risiko des Scheiterns ein …
in der Pianistin Manuela Klöckner-Marseglia hat Diether F. Domes eine herausfordernde Partnerin gefunden. Harmonische Klavierstücke von Beethoven hat sie für die Aktion ausgesucht, doch bei den fließenden Melodien bleibt es nicht: Ein Atmen ein Rauschen, ein langgezogener Gitarrenakkord aus einer Lautsprecherbox mischt sich in das Klavierspiel und schafft so in der Musik eine Spannung, mit der Diether F. Domes zurechtkommen muss …

Beethovens Nummer 7 aus den «Elf Neuen Bagatellen» op.119 erklingt simultan zu einem Ausschnitt aus «Yago» von Gene Coleman (zu hören: Saxofonquartett, Gagaku-Instrumente, Electronics). In nur zwei Minuten entsteht ein Liniengeflecht aus Rötel, das an eine abstrahierte Landschaft erinnert. Zugleich läßt Domes den Graphitstift wie Hagelkörner auf den Zeichenkarton prasseln, durchsetzt die "Landschaft" mit kurzen, kraftvollen Strichen. "Da hat er sich verhauen. Jetzt geht's nicht mehr weiter", flüstert schließlich eine Stimme aus dem Publikum. Doch es geht weiter: Domes nutzt die breite Kante des Zeichenstifts und setzt einen schwarzen Wirbel, ein neues Zentrum in das Bild hinein, ehe er zu einem zweiten Blatt überwechselt. Von diesem Blattwechsel wurde das winzige Beethoven-Gebilde «Neue Bagatelle» op.119/10 verschluckt. Ich hatte mich während des gesamten Beethoven-Vortrags einem strengen Zeitplan verpflichtet – gegliedert durch die CD-Zuspielungen –, der die Musik von Einflussnahme durch die Situation getrennt halten sollte. Für op.119/10 war ein Stillerahmen von 40 Sekunden konzipiert – aber Stille trat nicht ein; die Musik schlüpfte im Geraschel zwischen zwei Blättern durch. Es hätte mich speziell diese Miniatur als Klangzeichen sehr interessiert – aber das kleine Irrlichtchen hat es geschafft, zu entwischen … eigentlich nicht verwunderlich! …

… Seine Klang-Zeichen-Aktionen sind angespannte Arbeit unter hohem Zeitdruck, und Domes zieht aus ihnen eine besondere kreative Kraft, die noch Tage später in ihm arbeitet …

Beethovens «Elf Neue Bagatellen op.119/11 simultan zu einem Ausschnitt aus «Cathode#6» von Yoshihide Otomo (zu hören: Gagaku-Instrumente, Electronics). Diether F. Domes kannte die Musik nicht, mit der er konfrontiert wird, und ist überrascht von der wunderschönen, aber von ihm ein wenig ausweglosen Gelassenheit des Beethoven-Stückes, das nun folgt. Er nimmt es zum Anlass, ein sphärisches, dreidimensionales Gebilde zu flechten, ähnlich einer Fischreuse, die, aus geschwungenen Wolkenfäden gesponnen, am Himmel erscheint … der Künstler ist kein Automat. Den Beweis liefert Domes, als er den Wunsch des Publikums erfüllt, ein zweites Mal nach derselben Musik zu zeichnen. "Weniger jungfräulich", dafür nach einer planvollen Dramaturgie, entsteht ein Bild mit sorgsamem Aufbau. die Zeichnung bildet einen Sog, der sich in die Höhe reckt. Wie in einer Windhose, die bei ihrem Wirbel übers Land alles Fassbare ergreift, werden die Striche durch das Kraftfeld der Zeichnung gerissen …

Insgesamt entstanden an diesem Abend sechs Arbeiten. Blatt 5 und 6 hatten Musik von György Ligeti zur Grundlage: «Arc-En-Ciel» aus den «Etudes pour piano I».

(Auszüge aus: Harald Ruppert in Südkurier, 18.05.2004)