Morton Feldman «Three Voices»

Atemzüge eines Sommertages

… Ein geräuschloser Strom glanzlosen Blütenschnees schwebte, von einer abgeblühten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein; und der Atem, der ihn trug, war so sanft, dass sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen her zu verdunkeln wie ein Auge. Die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Bäume und Sträucher, die beiseite standen, oder den Hintergrund bildeten, machten den Eindruck von fassungslosen Zuschauern, die, in ihrer fröhlichen Tracht überrascht und gebannt, an diesem Begräbniszug und Naturfest teilnahmen. Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, Lebens- und Todeszauber mischten sich in diesem Bild … (Robert Musil: Fragment aus dem Roman «Der Mann ohne Eigenschaften»)

Atemzüge eines Wintertages"

Morton Feldman studierte Malerei, als er durch eine Begegnung mit John Cage (1912-92) im Jahre 1949 Musiker wurde; bald darauf lernte er den Maler Philip Guston (1913-80) kennen, dessen Bilder ihn solange faszinierten, als sie Fragen stellten. Dann zerbrach die Freundschaft. Gleichwohl sprach er das Totengebet bei dessen Beerdigung. Auch der Dichter Frank O'Hara war schon tot, als die Spätphase des künstlerischen Schaffens von Morton Feldman anbrach. Zwei der drei Sopranstimmen in «Three Voices» repräsentieren Frank O'Hara und Philip Guston, die wiederum das übergreifende, umfassende Künstlertum Feldmans (die dritte Stimme), auch durch ihre enge Freundschaft, umreißen: Das Stück stellt also biographisch gesehen den Dialog des noch lebenden mit den toten Freunden dar, nicht aber als klagender Abgesang, sondern als schöpferisches Umschreiten eines gemeinsamen künstlerischen Raumes in seiner prinzipiellen Unabgeschlossenheit nach vorne. (Peter Stimpel)